Jeder Schüler kommt an den Punkt in seiner schulischen Karriere, an dem das Abitur ansteht und auch der Plan im Anschluss daran, gelegt werden muss. Dies ist das erste Mal, dass ein jeder sich über seine Zukunft aktiv Gedanken macht, denn es gibt eine Vielzahl an Optionen, die man einschlagen kann. Bei Sportlern ist dies natürlich nicht anders. Bei den besten gibt es immer den beschwerlichen Weg direkt in den Profisport, bei anderen werden es die Sportfördergruppen der Bundeswehr und Polizei. Wieder andere Sportler wollen ein Studium starten und trotzdem Sport auf hohem Niveau fortsetzen und eine kleine Anzahl entscheidet sich die sportliche Karriere zu beenden.
Egal wie man sich entscheidet, es wird sich definitiv vieles grundlegend ändern. Vorab wägen die meisten Menschen oft mehrere Optionen ab und entscheiden sich dann für den Plan, der für sie am meisten Sinn macht.
Über genau diesen Sinn soll es heute gehen. Simon Stützel, Gründer von Scholarbook, wird heute seine Gedanken zum Thema, warum es Sinn macht als Sportler, jedes Leistungslevels, in die USA zu gehen, mit dir teilen.

Simon:

Das Sportstipendium in den USA am College war die beste Entscheidung meines Lebens und ich würde sie jederzeit genauso wieder treffen. Da ich mein Bachelorstudium in Deutschland und mein Masterstudium (Master of Business Administration) in den USA absolvierte, kann ich die beiden Systeme aus eigener Erfahrung sehr gut vergleichen.

Bei Scholarbook habe ich seit 2009 zusammen mit meinen Kollegen mittlerweile mehr als 2.000 junge Menschen auf ihrem Weg in die USA begleitet. Darunter sind Deutsche Rekordhalter, Deutsche Meister, Profis in der MLS (Fußball) und Teilnehmer bei Olympischen Spielen in den verschiedensten Disziplinen. So viele junge Sportler haben sich, genau wie ich, menschlich und sportlich mehr weiterentwickelt, als sie sich das in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hätten. In meinem heutigen Blog-Beitrag möchte ich Euch gerne erklären, warum ihr als Sportler unbedingt mal Collegesport erleben solltet.

1. Die USA haben das beste System weltweit, um Sport und Studium miteinander zu verbinden

Ich selbst habe in Deutschland nach dem Abitur ein duales Studium bei der Deutschen Bank in Kooperation mit der dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim gemacht. Die praktischen Erfahrungen und die Bezahlung sind sicherlich große Vorteile eines dualen Studiums, aber für meine sportliche Entwicklung war das duale Studium gänzlich ungeeignet.

Ich musste in den drei Jahren 12mal umziehen, wobei es nur selten möglich war, eine geeignete Trainingsgruppe zu finden. Die Arbeitszeiten waren in der Regel bis 20 Uhr und oft sogar bis 22 Uhr. Meistens sind die Prüfungen in die Phase der wichtigsten Wettkämpfe gefallen und die notwendigen Trainingslager habe ich sowieso verpasst, da die Hochschule keinerlei Rücksicht auf den Leistungssport genommen hat. Dementsprechend habe ich mich in diesen drei so wegweisenden Jahren sportlich überhaupt nicht weiterentwickelt. Genauso ging es einem Scholarbook-Schwimmer, der ebenfalls in Mannheim studierte. Die Hochschule ist auf dem Papier Partner des Spitzensports, doch in der Praxis bekommt man davon in Deutschland nur ganz wenig mit. Unser Schwimmer musste täglich zudem zwischen der Uni in Mannheim und dem Olympiastützpunkt in Heidelberg pendeln. Die Gesamtbelastung beeinflusste sowohl das Studium als auch seine Trainings- und Wettkampfleistungen sehr negativ und führte ihn beinahe in ein Burnout, bevor er in die USA wechselte.

In den USA hingegen ist alles perfekt aufeinander abgestimmt: der Stundenplan passt sich den Trainingszeiten an, die Wettkämpfe richten sich nach den Klausurenphasen und die Wege auf dem Campus sind unglaublich kurz. Innerhalb weniger Gehminuten erreicht man den Kraftraum, den Vorlesungssaal, die Mensa, wo es übrigens neben Pizza, Burgern und Cookies vor allem auch ganz viel gesundes Essen gibt, das Stadion oder die Schwimmhalle. So bleibt fast jeden Tag Zeit für ein kurzes Nickerchen. Schließlich wird man im Studium und im Sport nur besser, wenn man auch Zeit zur Regeneration hat. Während in Deutschland die meisten Trainer ehrenamtlich arbeiten, werden die Trainer in den USA hauptberuflich entlohnt und das ganze Sportsystem ist um Welten professioneller. Unser Schwimmer, der den Spaß am Sport genau wie ich, schon fast komplett verloren hatte, ist mittlerweile Deutscher Rekordhalter – genau der schnellste Deutsche aller Zeiten in seiner Disziplin. Auch ich selbst konnte mich in diesem perfekten Umfeld besser entwickeln, als ich mir das vorab jemals erträumt hätte. Während des Studiums in Deutschland kam ich bei Deutschen Junioren-Meisterschaften nie über den 15. Platz hinaus und an die Deutschen Meisterschaften der „Großen“ war nicht mal zu denken. Durch die starke Trainingsgruppe, einen Weltklasse-Trainer, tolles Klima in Charlotte, North Carolina, die genialen Sportstätten, die Höhentrainingslager und vieles mehr, habe ich mich auf ein komplett neues Level verbessert. So konnte ich bei den Erwachsenen vier Mal Deutscher Meister (im Team) und Deutscher Vizemeister (im Einzel) werden und sogar für Deutschland international an den Start gehen.

Auch wenn ich mich sportlich nicht so sehr verbessert hätte, würde ich jederzeit wieder in den USA studieren, da ich mich persönlich und sprachlich extrem weiterentwickelt habe und die mit Abstand beste Zeit meines Lebens hatte.

2. Die Anerkennung und die Wertschätzung in einem positiv sportverrückten Land

Während man in Deutschland als Sportler meist in leeren Stadien unterwegs ist und die Universität einem mehr Steine in den Weg legt, als, dass sie einen fördert, lebt absolut jeder auf dem Campus eines amerikanischen Colleges den Sport. So hat zum Beispiel der Mitarbeiter in der Mensa ein ganzes Semester jeden Mittag und jeden Abend meine Lieblingspizza zubereitet, als ich das erste Mal „conference champion“ für meine Uni wurde.

Jede Woche gibt es Auszeichnungen wie „athlete of the week“. Da war dann auch mal mein Foto auf allen Screens des Campus zu sehen und alle sprechen einen positiv drauf an. Der Professor und mein ganzer Kurs spendeten Applaus vor der Vorlesung, weil sie es einfach toll fanden, wie ich mich für die Uni einsetzte.

Ich hatte das Glück zweimal bei den NCAA Division II Nationals, den USA-weiten Meisterschaften der mittelgroßen Unis, „All American“ zu werden, also unter den besten Acht. Nach meinem ersten Mal wurde ich vom Präsidenten der Universität zum Mittagessen in sein privates Haus eingeladen und er hat sich 1,5 Stunden Zeit für mich genommen – das war eine unglaubliche Wertschätzung, die mich sehr beflügelt hat.

Beim zweiten „All American“-Titel wurden wir in der Halbzeitpause des Basketball-Teams vor 15.000 Zuschauern geehrt.

Bei der Abschlusszeremonie zur Verleihung der Master-Diplome hat es mir damals wirklich die Sprache verschlagen, weil ich einen großen, ganz persönlichen Siegelring mit dem Logo meiner Uni, dem Abschlussjahr und meinem Namen vom Dekan bekommen habe.

3. Teamspirit, wie es ihn in Deutschland einfach nicht gibt

Der Teamspirit in den USA ist mit Nichts in Europa vergleichbar. Als Sportteam trainiert, studiert, isst, wohnt, verliert und gewinnt man zusammen. Wann immer ich ein Problem hatte, waren meine „teammates“ für mich da und auch heute noch habe ich in fast jeder amerikanischen Großstadt ein Teammitglied bei dem ich bleiben kann.

Das Team kann als Universität nur gewinnen, wenn alle zusammen erfolgreich sind und bei den wichtigsten Meisterschaften, den Conference und den National Championships, gemeinsam Punkte sammeln. Jeder wird also für seine persönliche Leistung anerkannt, aber gewonnen wird als Team. Das hat mich persönlich so unglaublich motiviert, dass selbst die härtesten und schwierigsten Einheiten (als Langstreckenläufer sind wir auch mal 28 km in der Hitze gelaufen oder 25 x 400 Meter auf der Bahn) einfach nur Spaß gemacht haben. Egal wie hart das Training war, man quält sich nicht nur für sich allein, sondern auch für die Mannschaft. Wir alle waren mega stolz darauf unsere Universität repräsentieren zu dürfen und wären zusammen durch Pech und Schwefel gegangen. Egal, ob ich mal ins Krankenhaus, zum Einkaufen oder sonst wohin musste, die Jungs und Mädels aus dem Team waren immer für mich da, um mir zu helfen.

4. Erfahrungen, die mit Geld nicht zu Bezahlen sind

Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie ich bei den „Penn Relays“ in Philadelphia vor über 50.000 Zuschauern mit meinem Team der Queens University of Charlotte gelaufen bin. Wir sind damals 4 x Meile gelaufen bevor Usain Bolt im gleichen Stadion die Massen komplett zum Toben gebracht hat.

Ebenfalls sehr im Gedächtnis geblieben sind die Besuche bei den Familien meiner „teammates“. Meine Mannschaftskameraden haben mich an „thanks giving“ mit nach Hause genommen, im einen Jahr nach LA, im anderen Jahr nach Boston. Die Erfahrung in einer amerikanischen Familie zu Gast zu sein und eben nicht als Tourist die Stadt zu besuchen, ist mit Geld einfach nicht zu bezahlen.

Ich werde auch nie vergessen, wie wir jedes Jahr zu einem Wettkampf in der Halle nach NYC geflogen sind und von einer fetten Limousine abgeholt wurden. Natürlich sind meine „teammates“ und ich dann auch nach dem Wettkampf abends noch durch Manhattan gezogen. Außerdem waren wir auch jedes Jahr in Kalifornien. Erst sind wir auf der magischen und weltweit bekannten Bahn in Stanford gelaufen, quasi jedes Mal mit neuer Bestzeit und am nächsten Tag waren wir dann noch in Malibu und Santa Monica Beach. Für mich persönlich war aber gleich meine erste Woche in den USA die Einprägsamste. Wir waren mit dem ganzen Team in den Bergen von North Carolina in großen Villas mit Whirlpool, Billardtisch und vielem Mehr. Da sind wir als Team unglaublich eng zusammengewachsen und dieser Bund hält bis heute.

Ich persönlich würde jederzeit wieder den Schritt in die USA wagen und ich kann nur jedem Sportler, der die Chance dazu hat, empfehlen dieses gigantische Erfahrung ebenfalls zu machen. Ihr werdet es garantiert nicht bereuen.